Menu Schließen

Blau, orange, grün – oder welche Farbe habe ich und meine Organisation?

Nach meinem Studium im sozialwissenschaftlichen Bereich bin ich ins Arbeitsleben eingestiegen. Alle meine bisherigen Organisationen gehörten entweder dem Bildungssektor oder der öffentlichen Verwaltung an. Auch aktuell bin ich als stellvertretende Leiter der Abteilung Mittelschulen in der öffentlichen Verwaltung tätig. Blicke ich auf meine Berufsjahre zurück, so habe ich mich zu Beginn in diesem Kontext sehr wohl gefühlt. In den letzten ein bis zwei Jahren haben sich aber leichte Irritationen bemerkbar gemacht: Ich fühle mich teilweise in den starren Hierarchien gefangen, kann Entscheidungsprozesse nicht mehr nachvollziehen, fühle mich als Mensch nicht genügend wahrgenommen. Woran liegt das?

Spiral Dynamics: ein für mich neuer Blick auf mich und meine Organisation

Im Modul Personal Agility habe ich das Spiral Dynamics Modell kennengelernt. Das von Don Beck und Chris Cowan entwickelte Modell, geht davon aus, dass sich Organisationen in Stufen entwickeln: Ausgelöst durch neue Erfordernisse der Umwelt entwickeln sie sich weiter und nehmen neue Formen an. Im Modell werden die unterschiedlichen Stufen beschrieben und jede Stufe einer Farben zugeordnet. Für meine Betrachtungsweise sind insbesondere die blaue, orange und grüne Stufe von Interesse:

  • Blaue Stufe (autoritär, traditionell konformistisch)
    Blaue Organisationen zeichnen sich aus durch wiederholbare Prozesse, stabile Organigramme und damit verbunden klare Hierarchien. Sie gehen von einer statischen Welt aus, die keine schnellen Änderungen in der Organisation nötig macht. Bildungsinstitutionen und die Verwaltung gehören typischerweise dazu. Blicke ich auf meine beruflichen Stationen zurück, so realisiere ich, dass ich stark durch einen blauen Organisationskontext geprägt worden bin.
  • Orange Stufe (strategisch, leistungsorientiert)
    Orange Organisationen können als Metapher mit «Maschinen» verglichen werden: Begriffe wie Effizienz, Effektivität, Management nach Zielen gehören typischerweise zu orangen Organisationen. Das Leistungsprinzip wird hoch gehalten: Der oder die Beste / Klügste klettert die Karriereleiter hoch. Mit Blick auf meinen eigenen Weg wird mir klar, dass mein beruflicher Werdegang auch stark durch orange Haltungen geprägt worden ist: Das ausgeprägte Leistungsprinzip an den Hochschulen oder die Einführung von New Public Management (Erhöhung der Effizienz und Effektivität) in der Verwaltung sind deutlich orange geprägt.
  • Grüne Stufe (pluralistisch, egalitär)
    Grüne Organisationen sind geprägt von «familiären» Strukturen. Klassische hierarchische Organigramme findet man hier nicht. Das Führungsverständnis ist geprägt von der Idee des «servant leader». Grüne Organisationen zeichnen sich durch eine starke werteorientierte Kultur aus. Berufliche Erfahrungen in einem grünen Kontext, konnte ich leider noch nicht machen. Ich realisiere aber, dass ich mich spontan sehr zu dieser Grundhaltung hingezogen fühle.

Könnte meine immer stärker werdende Irritation daher rühren, dass ich mit meinen Werten und Erwartungen nicht mehr in eine primär blau (mit leichten orangen Einflüssen) geprägte Organisation passe?

Wie schätze ich meine eigene Haltung und mein Verhalten ein?

Anhand eines integralen Kompetenzmodells1 habe ich versucht, einerseits mein Denken (in der Abbildung der linke obere Quadrant) und mein Verhalten (rechter oberer Quadrant) einzuschätzen. Ich habe eine Selbsteinschätzung auf jeder Dimension im blauen, orangen und grünen Bereich vorgenommen und pro Dimension 10 Punkte auf die drei Optionen vergeben. Zum Thema Entscheidungsfindung habe ich mich zum Beispiel gefragt, wie ich Entscheidungen forciere: a) aus Regeln ableiten, b) das beste / rational nachvollziehbarste Argument gewinnt oder c) im Konsent, wenn niemand ein überzeugendes Argument dagegen hat. Abschliessend habe ich die Punkte pro Quadrant zusammengezählt.

1 https://www.carpe-verba.de/consulting/integrale-organisationsentwicklung

Das Ergebnis zeigt, dass mein Denken am meisten geprägt ist von orangen, dicht gefolgt von grünen Werten. Die blauen Werte kommen hier am wenigsten zum Tragen. Bei meinem Verhalten hingegen dominieren blaue und orange Eigenschaften, die grünen sind deutlich abgeschlagen.

Dem Grund meiner Irriation auf der Spur

Etwas überspitzt formuliert zeigt sich bei mir folgendes Bild: Ich habe grüne Haltungen, verhalte mich mehrheitlich orange, arbeite in einem orangen Team in einem blau geprägten Unternehmen. Dass dies zu gewissen Irritationen führen muss, wird mir nun langsam klar.

In einem ersten Schritt werde ich nun versuchen, mein Verhaltensrepertoire zu erweitern, so dass ich mich auch «grün» verhalten kann. Dafür benötige ich noch mehr konkrete Ansatzpunkte, Techniken und Methoden. Zudem gibt es in meinem Umfeld auch wenige «Vorbilder», da die Bildungsdirektion sehr blau – orange geprägt ist. Ich brauche also Sparring-Partnerinnen und -Partner, mit denen ich mich über solche Fragen austauschen und gemeinsam reflektieren kann. Ich will noch mehr Sicherheit gewinnen, um vermehrt auch Dinge auszuprobieren und die Irritation bewusst als Mittel für Veränderung einzusetzen.

Der CAS Agile Organisation hat mir schon mehrere Aha-Erlebnisse verschafft:

  • Ich habe eine Idee, woher mein stärker werdendes Irritationsgefühl im Arbeitskontext kommt,
  • ich lerne für mich neue Methoden und Instrumente kennen, die mir helfen meine grünen Werte noch mehr im konkreten Arbeitsalltag umzusetzen,
  • und ich habe Personen kennengelernt, die mir Impulse geben mich noch mehr in diese Richtung zu entwickeln.

Das Spiral Dynamics Modell hat mir dabei geholfen, Unterschiede in der Haltung von Person, Team und Organisation zu erkennen und zu benennen. Dieses Wissen wird mir helfen, bewusst mit meinen wahrgenommenen Irritationen umzugehen und mich (und vielleicht auch mein Team und meine Organisation) weiterzuentwickeln.